Was denken Usedoms Gäste eigentlich wirklich über Usedom?
Fragt man einen Urlauber, ob es ihm hier auf Usedom gefalle - also während er hier Urlaub macht [und man ist als Interviewer ganz klar als Einheimischer zu erkennen] - dann kommen eigentlich oft unverbindliche Freundlichkeiten wie 'ja, schönes Wetter hier.', 'Der Strand ist so schön', 'Wir waren auch wunderbar essen' etc. pp.
Was der Gast nicht erzählt sondern sich nur denkt, das schreibt er vielleicht später auf? Habe ich mir so gedacht. Also ab in die Tiefen des Internets eingetaucht und nach Komplimenten gefischt, die eventuell verbindlicher sind als die kurzen Statements vor den Ohren des Ferienwohnungsvermieters sind.
#1
Knapp zwei Wochen war ich im Urlaub, auf der Ostseeinsel Usedom, dort, wo alles noch ein wenig zurückgeblieben erscheint. Die BILD-Zeitung für 50 anstatt wie in unseren Gefilden für 60 Cent zum Beispiel. Es gelten ein paar andere Regeln dort drüben, der Sprache merkt man den Einfluss der östlichen Version von Deutsch deutlich an, und auch diejenigen, die ein Kraftfahrzeug steuern dürfen, tun dies ein wenig anders als bei uns. Das allseitig ruhigere Temperament zeigt sich hier mehr als explizit, da wird eine Straße innerorts schon mal mit läppischen 30 befahren, ohne sich etwas dabei zu denken.[Link]
Um als Einheimischer Urlauber zu verstehen, ist es sicherlich von Vorteil, mal eine Weile nicht auf der Insel gelebt... quasi die Sache mal von einem anderen Standpunkt aus betrachtet zu haben. So lässt sich vielleicht auch nachvollziehen, inwiefern der Preis eines Boulevardblattes relevant für die Einschätzung der Zurückgebliebenheit des komischen Inselvolkes sein soll.
Ich erinnere mich an eine Geschichte aus der Ostseezeitung, in dem ein Leserbriefschreiber sich über das Unmögliche Verhalten einiger Gastgeber aufregte. Die Geschichte ging glaub ich so, dass der Herr an einer Kreuzung stehend, hunderte Autos hinter sich wissend, seine Autowanderkarte zückte und ungeachtet der penetrant grün leuchtenden Ampel seinen weiteren Inselerkundungspfad eruierte. Nicht wirklich unvorstellbar, dass hier einem ansonsten dickhäutigen und fatalistisch denkenden Insulaner nun doch der Palsteg platzte und er, zur Bekundung seines Unverständnisses über so viel Rücksichtslosigkeit etwas verdorbene Pflanzeware in das oben offene Gefährt bemühte. Naja.
Mir selbst fiel, nach Hinweis eines Freundes, auch auf, dass auf Usedom die Fahrzeugkolonnenführer [das Führungsfahrzeug einer längeren Kolonne an PKWs] oft eher außervorpommersche Kennzeichen an ihren Wagen führten... aber ok, manchmal sind es auch die einheimischen Bummler... was ich damit sagen will, oben genannter Besucher zeigte Beobachtungsschärfe, welche jedoch noch ausbaubar ist.
Natürlich ist auch Licht dabei, wo soll denn sonst der Schatten herkommen:
Als letztes bleibt noch eine positive Anekdote zu nennen. Man muss ja auch mal was honorieren, wenn man schon vielerlei Dinge in ein so negatives - an dieser Stelle subjektives, aber doch ernst und ehrlich gemeintes - Licht rückt, finde ich. Also: Im Nordosten unseres Landes sind die Menschen wenigstens dazu in der Lage, vernünftige Smoothies herzustellen. Respekt.
Na gut, das hätte ich jetzt eher nicht erwartet...
#2
Auch andere Usedombesucher schreiben durchwachsen:
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Es gibt zwei freie Tische, doch sagt man uns sie seien reserviert. Die typischen Reservetische die man für erwünschte Gäste bereithält. Und dass wir nicht erwünscht sind ließt man dem Geruch ab, den Gästen, und dem Gesicht der Maitren. Trotz unserer guten Kleidung. Man ahnt unsere Gesinnung. Überhaupt, wie die sozialen Klassen verschwunden sind und durch die Gesinnung ersetzt wurden.
[...]
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/ Ich wollte eigentlich schöne Sachen aufschreiben und jetzt habe ich nur von so bösem Zeug berichtet. War jedenfalls sehr schön wieder.
#3
Dann habe ich ein theaterreifes Stück aus der Feder von Henrike gelesen. Kurzfassung: Und wenn man dann doch mal so richtig mit wunderlichen Einheimischen festsitzt, zeigt sich deren wahre Natur. Manchmal. Vorher erfährt man etwas über wunderliche Besucher. Hier nachzulesen.
[...]
U[sedomer]: Und ihr aus dem Westen fahrt einfach in den Osten!
S[ein Gast]: Schauen Sie mal, Ihr Bier steht ja noch am Tresen, das wird doch warm.
U: Das hab ich bezahlt wie jeder andere auch hier! Und ich bin nicht aus dem Westen! Seit siebenundfünfzig Jahren wohn ich im Osten, und dann kommt einfach dieser Kohl und sagt, die Mauer ist weg, und jetzt sind die ganzen Leute aus dem Westen hier und bilden sich was ein!
[...]
Ich denke nicht, dass das jetzt typisch für einen Vorruheständler oder Fastrentner oder was auch immer er sein mag, ist. Aber es bildet doch schon Recht gut die Kauzigkeit von Menschen ab, welche man natürlich auch auf Usedom findet. Eigentlich ist es traurig, so traurig, dass man schon wieder drüber lachen kann.
#Anhang
Beim Perlen tauchen ist mir aber auch ein anderer Schreiberling aufgefallen, der schöne Geschichten in seinen Blog zaubert, so dass man sich beim lesen zeitlich doch sehr vertun kann.
Hier und da rief ich beim lesen Sachen wie 'So isses', 'Kennich' oder 'Japp'. Wer also über Usedomer was erfahren will, sollte hier mal reinschauen.







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